Interview mit Sam – einem menstruierenden Mann

Auch uns war es bis vor ein paar Jahren nicht bewusst: Es gibt auch Männer, die menstruieren! Rund 500 Männer in Österreich gibt es laut Schätzungen, die das Thema Menstruation direkt oder indirekt betrifft. Das reicht von Menschen, die mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen geboren wurden und sich dann gegen das Leben mit diesem Geschlecht entschieden haben bis hin zu Intersexuellen, die mit beiden Geschlechtsteilen geboren wurden.

Wie Ihr wisst, ist es der Anspruch der erdbeerwoche, alle Mythen rund um die Thematik Menstruation zu hinterfragen und aus diesem Grund haben wir uns auch mit einem (ehemals) menstruierenden Mann über seine persönliche Menstruationsgeschichte unterhalten.  Sam ist 42 Jahre alt und Obmann des Vereins „Transmann-Austria“. Er führt seit er Anfang 20 ist sein Leben als Mann. Die körperliche Transformation zum Mann hat er mit der Entfernung der Brust Ende 20 gestartet, aber bis vor 6 Jahren hat er noch jeden Monat seine Regel bekommen. Erst dann hat er mit der Hormontherapie und darauf folgend mit der endgültigen Entfernung der weiblichen Geschlechtsmerkmale begonnen. Wir bedanken uns sehr herzlich für seine Offenheit!

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Du hast 24 Jahre lang jeden Monat geblutet. Erzähle uns von deiner persönlichen Menstruationsgeschichte!

Ich habe mit 12 Jahren meine erste Regel bekommen. Davor war es überhaupt kein Problem als Junge durchzugehen. Danach wurde es natürlich immer schwieriger und einmal im Monat wurde ich erinnert, dass mein Körper nach wie vor der einer Frau ist. Ich war in der glücklichen Lage, dass ich keine besonders schwerwiegenden Probleme wie Regelschmerzen hatte. Natürlich habe ich Symptome wie PMS durchgemacht und kann auch jede Frau wirklich gut verstehen, die darunter leidet. Das war besonders auch als Jugendliche problematisch, da es die emotionale Verunsicherung einmal im Monat nochmal verstärkte.

Wolltest du nicht sofort deine Menstruation verhindern?

Worum mich viele Frauen beneideten, war ein wirklich regelmäßiger und unproblematischer Zyklus.  Erst mit der 3-Monatsspritze, die meine Menstruationsblutung eigentlich verhindern sollte, hatte ich Probleme wie dauernde Schmierblutungen. Da es mir ohne Hormone besser ging, habe ich meine Monatsblutung auch beibehalten, bis ich vor 6 Jahren mit der Hormontherapie begonnen habe.

War dir der Zusammenhang von Menstruation und deiner Gesundheit wichtig und warst du auch bei einer Frauenärztin bzw. beim Frauenarzt?

Ich hatte Glück mit meinem Frauenarzt, der sehr einfühlsam war. Daher habe ich auch immer alle Untersuchungen in Anspruch genommen. Bei anderen Transmännern ist es z.B. schon passiert, dass erst bei den Untersuchungen für das Entfernen der weiblichen Geschlechtsmerkmale schwerwiegende Krankheiten wie Krebs diagnostiziert wurden. Den Indikator, den die Menstruation für die Frauengesundheit hat, habe ich immer ernst genommen. Wenn jemand bei der Frauenärztin/dem Frauenarzt also Männer sieht, ist es nicht automatisch eine Begleitung!

Was für Produkte hast du verwendet und wie problematisch war das im Alltag?

Ich habe immer Binden verwendet. Ein Tampon wäre aufgrund der Tatsache, dass man sich etwas in den Vaginalkanal einführt, überhaupt keine Option gewesen. Gerade als Teenager im Sommer war das tw. schon schwierig. Den Brustgurt oben, der die Brust unsichtbar macht und dann unten die dicken Binden. Monatshygieneprodukte wie Binden zu kaufen, war für mich immer extrem unangenehm. Meistens habe ich so getan, als würden die Produkte auf meinem „Einkaufszettel“ von zuhause stehen. Gerade das Wechseln der Binden unterwegs war aber natürlich ein Problem, da auf Männer-Toiletten klarweise keine Mülleimer stehen.

Wie erging es dir mit deiner Menstruation nach dem Start der Hormontherapie?

Man startet meist mit so genannten Östrogenblockern. Diese hatten aber genau wie die 3-Monatsspritze den Effekt, dass ich ebenfalls Schmierblutungen hatte. Nach dem Beginn der Einnahme von Testosteron dauert es dann 2-6 Monate, bis sich die Menstruation komplett einstellt.

Welche Tipps hast du für Jugendliche, die sich ebenfalls mit dem Geschlecht ihres Körpers unwohl fühlen?

Du hast nur einen Körper, um den du dich gut kümmern solltest. Gerade wenn du dein äußeres Geschlecht bzw. Aussehen deinem inneren Empfinden und deiner Identität angleichen willst, hast du viel mit deinem Körper vor und solltest daher gut auf ihn aufpassen. Informiere dich gut, hol dir Beratung und trau dich auch zur Frauenärztin oder zum Frauenarzt zu gehen.

Stößt du dich an Begriffen, wie z.B. Frauenhygiene, bei dem explizit Frauen als Konsumentinnen von Monatshygieneprodukten angesprochen werden?

Das stört mich nicht. Es ist ja Frauenhygiene! Ich habe es auch als Teil meiner weiblichen Identität gesehen, da jeder Mensch ja sowieso die Eigenschaften beider Geschlechter in sich trägt. Männer benutzen Hygieneprodukte wie Tampons oder Binden nur so lange, wie sie es wirklich müssen.

Braucht es die Kategorisierungen von Mann/Frau heute aus deiner Sicht überhaupt noch?

Ich finde Strukturen wichtig, an denen man sich anhalten kann. Das hilft auch gerade Jugendlichen, die sich sonst alleingelassen fühlen. Gerade wenn man nicht weiß, was mit dem eigenen Körper passiert, kann eine Schubladisierung sogar helfen. Mann/Frau als Identität muss aber immer von der sexuellen Orientierung getrennt betrachtet werden. Insgesamt müssen die Menschen ja nicht verstehen, was in mir und meinem Körper vor sich geht, aber akzeptieren sollten sie es.

Danke an Sam!

Deine erdbeerwoche-Botschafterinnen

Annemarie & Bettina

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