Aufklärung in den Slums von Mysore

Wie du weißt, sind wir von der erdbeerwoche in ständiger Aufklärungsmission zum Thema Menstruation und Nachhaltige Frauenhygiene unterwegs. Was Aufklärung zu Monatshygieneprodukten aber in Indien bedeutet, haben wir bei einem Rundgang durch einen Vorort von Mysore/Südindien erlebt, wo wir Anfang April gemeinsam mit dem WDR für einen Reportagedreh waren.

Als unser 10-köpfiges, vorwiegend österreichisch/deutsches Frauenteam in einem armen, muslimischen Viertel Mysores ankommt, ist die Neugierde groß. Neben der Film-Crew waren auch eine Übersetzerin und Somya sowie ihre Mitarbeiterin Reika mit von der Partie, in deren Werkstatt wir am Vortag unsere eigenen Binden an Murugananthams Maschine herstellten. Mit einer kleinen Kamera ausgerüstet, um nicht zu sehr aufzufallen, liefen wir von Tür zu Tür und sprachen die Frauen, die bereits neugierig vor ihren Türen standen, direkt auf ihre Regel an. Interessanterweise benutzten alle der rund 20 befragten Frauen bereits Binden anstatt von Stoffresten. Bei all unseren Gesprächen wurde uns nach einem kurzen Moment der Verlegenheit eine verblüffende Offenheit entgegengebracht. Das hat uns sehr an unsere Arbeit hier in Europa erinnert und zeigt, dass Menstruation – egal wo auf der Welt – eine Gemeinsamkeit unter Frauen darstellt und es jede Menge Redebedarf gibt!

Menstruation in der Slum-Realität

Was fast alle befragten Frauen rückmeldeten, ist die Tatsache, dass sie wirklich während ihrer Regel keinen Tempel bzw. keine Moschee besuchen dürfen und sogar teilweise in einem anderen Raum als die übrigen Familienmitglieder (oder direkt vor der Tür) schlafen müssen. Und das heißt nicht in bequemen Betten, sondern auf einfachen Decken am Boden. Von einem eigenen Zimmer, in dem eine gewisse Privatsphäre vorherrscht, können die Frauen hier nur träumen. Die meisten schlafen mit bis zu 10 anderen Familienmitgliedern im einzigen größeren Raum des Hauses.

Warum wir das wissen? Viele der angesprochenen Frauen haben uns sofort freudig in ihre kleinen, bescheidenen Häuser eingeladen und wirklich offen über ihre Probleme erzählt. Auf die Frage hin, wie oft sie ihre Binden wechseln, meinten viele nur zweimal am Tag. Das hat neben der Erschwinglichkeit der Produkte auch mit dem Zugang zu Toiletten zu tun. Die wenigsten der Behausungen haben nämlich ein eigenes Klo. Was das letztendlich für die Hygiene und somit auch für die Gesundheit der Frauen bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen. Schnell wurde uns klar: Bevor frau über die Nachhaltigkeit ihrer Produkte nachdenken kann, geht es mal um den grundsätzlichen Zugang zu Monatshygiene und einer sauberen Toilette. Darüber schreibt übrigens auch der Toilettenblog.

Was tun mit benutzten Binden?

Auf unserem Rundgang haben wir dann zufällig noch etwas für uns Unfassbares erfahren. Benutzte Binden werden hier nicht einfach über die Mülltonne entsorgt (vielfach gibt es auch kein funktionierendes Abfallwirtschaftssystem). Die Frauen glauben nämlich, dass, wenn ein Tier (z.B. ein Hund) die benutzte Binde findet, dies Unheil über die Familie bringt. Aus diesem Grund waschen die Frauen ihre Binden aus (und das mit den Füßen, um nicht „beschmutzt“ zu werden!). Das betrifft nicht nur die waschbaren, sondern auch tatsächlich die Wegwerf-Binden! In vielen Fällen verbrennen sie die Frauen auch danach, um sicher zu gehen, dass kein Tier die Binde findet.

Bildung als Bedrohung

Nicht nur über Monatshygiene, auch über das Bildungsthema sprachen wir mit den Frauen. Ein 17-jähriges Mädchen (in der Bildmitte) erzählte uns an der Türe vor ihrem Haus, dass ihre Mutter nicht wollte, dass sie die Schule weiter besuche. Das Argument der Mutter: Ihre Tochter könnte unter die falschen Leute kommen, unter falschen Einfluss geraten bzw. „falsche“ Gedanken gelehrt bekommen. Dass Bildung von Mädchen eine Bedrohung darstellt und uns dies wie selbstverständlich erzählt wird, war ein sehr bedrückendes Erlebnis auf unserer Tour.

Binden im Tür-zu-Tür-Vertrieb

Positiv war hingegen, dass die Frauen unseren Tür-zu-Tür-Service, bei dem Reika tatkräftig Binden aus ihrer Werkstatt verkaufte, sehr begrüßten! Hygieneprodukte gibt es nämlich nicht wie bei uns in vielen Geschäften zu kaufen. Außerdem schäme sich die Frauen diese zu kaufen und waren deshalb sehr dankbar, ihre Monatshygiene direkt an die Tür geliefert zu bekommen. So schloss sich für uns der Kreis von der Produktion von Murugananthams Bindenmaschine über deren Verbreitung unter indischen Frauen, die damit ihre eigenen Binden fabrizieren können, bis zur Herstellung und schließlich dem Verkauf der Binden an indische Frauen. It is still a long way to go, aber es war irrsinnig spannend und interessierend, Menschen in Indien kennen zu lernen, die an derselben Mission wie wir, nämlich das bloody taboo zu brechen, arbeiten.

Weitere „Schmankerl“ unserer Indienreise findet Ihr demnächst hier auf unserem Blog, auch wenn wir dann schon aus Indien zurück sein werden. Wir freuen uns, wenn du unsere Geschichten in deinem Netzwerk teilst!

Deine erdbeerwoche-Botschafterinnen

Annemarie & Bettina

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