1. Treffen mit dem Mann, dem menstruierende Frauen vertrauen (Indien III)

Unser 1. Drehtag in Coimbatore/Indien. Mit geballter Frauenpower (wir sind ein 7köpfiges Frauenteam inkl. Regisseurin, Kamerafrau und Übersetzerin) treffen wir auf Muruganantham – auch the menstruation man genannt.

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Er empfängt uns in seinem Haus, wo er mit seiner Frau, seiner Mutter und seiner 7jährigen Tochter wohnt. Muruga ist es also gewöhnt, viele Frauen um sich zu haben und so schockiert ihn das viele Östrogen um ihn nicht weiter. Auch deshalb, weil sich in seinem Business alles um Frauen dreht: Muruga hat eine Maschine entwickelt, mit der sich auf sehr einfach Weise Binden herstellen lassen. Was so simpel klingt, hat einen ernsten Background: Nur rund 10% aller indischen Frauen verwenden Monatshygieneprodukte. Der Rest der Frauen hat entweder gar nichts zur Verfügung oder nutzt alte Stofflappen. So auch Murugas Frau bis vor einigen Jahren. Die Tatsache, dass sie sich jahrelang so für ihre Periode schämte, dass sie Muruga nichts davon erzählte und auch die schmutzigen Stofflappen stets vor ihm versteckte, schockierte den Inder derart, dass er sich in den Kopf setzte, etwas dagegen zu tun. Er wollte erschwingliche Binden für seine Frau produzieren.

Muruga und seine Bindenmaschine

Aus seiner Idee wurde ein globales Social Business: Die Maschine, die er zur Herstellung einfacher Binden aus Baumwolle und Zellstoff erfand, wurde weltberühmt. Über 1.000 seiner Maschinen sind bereits in Indien im Einsatz, um Frauen das Leben zu erleichtern, einige hundert auch im Ausland. Muruga hält mittlerweile Vorträge auf der ganzen Welt – vor Bill Gates, dem Weltwirtschaftsforum in Davos und diversen Premierministern. Dabei erzählt er uns im Vertrauen: „Männer haben keine Ahnung davon, was es bedeutet, die Menstruation zu haben. Egal, wo auf der Welt ich bin und wen ich frage: So gut wie kein Mann hat sich jemals vorgestellt Binden auszuprobieren, um selbst zu erfahren, wie es ist, mehrere Tage im Monat so etwas zu tragen.“ Muruga hingegen hat genau diese Erfahrung gemacht: Er hat selbst seine eigenen Binden getestet, um ihre Qualität zu verbessern und sich so richtig in eine Frau hinein fühlen zu können.

Vom Verrückten zum erfolgreichen Unternehmer

In seinen Anfängen hielten Muruga alle für verrückt, seine Familie und Frau inklusive, die ihn auch wegen seiner Obsession verließ. Erst später mit dem Erfolg kamen auch seine Freunde und seine Frau wieder zurück.

Trotz all des Trubels, der mittlerweile um seine Person entstanden ist, ist Muruga bescheiden geblieben. Obwohl er mittlerweile erfolgreicher Unternehmer ist, lebt er nach wie vor im selben bescheidenen Haus in Coimbatore. Wir werden sehr herzlich empfangen, bekommen Tee von seiner Frau serviert und dürfen an einer hinduistischen Zeremonie teilnehmen. Natürlich passiert mir (Bettina) gleich zu Beginn ein Fauxpax: Als Linkshänderin greife ich ohne nachzudenken, mit der linken Hand nach dem Tee. In Indien fasst man jedoch Essen und Trinken nur mit der rechten Hand an, die linke ist nur zum Säubern des Allerwertesten gedacht. Auf Dauer würde ich mir in Indien also ganz schön schwer tun!

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Da Muruga den Umgang mit westlichen Menschen gewohnt ist, verzeiht er mir mein Versehen und so können wir direkt in das spannende Interview mit ihm einsteigen, das Ihr im Detail in der WDR-Reportage „Verbotene Tage“ hören und sehen könnt.

Morgen treffen wir Muruga nochmals. Dann wird er uns erklären, wie genau seine Maschine funktioniert und wir werden ihn in ein Dorf begleiten, wo er erstmalig eine solche Maschine in Betrieb nimmt.

Bis bald also!

Viele Grüße aus Indien senden euch

Bettina und Annemarie

Hier geht es zum nächsten Blogbeitrag unserer Indienreise: Ein Dorf bekommt Murugananthams Bindenmaschine

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